Schmetterlingsflügel

Diese Geschichte musste ich für die Schule schreiben und da ich dort eine 1+ mit Sternchen dafür bekommen habe traue ich mich jetzt auch einfach mal, sie hier on zustellen.

Sie schildert die Geburt meiner kleinen Scarlett, beruht also auf wahren Begebenheiten.

 

 

Der erste Atemzug

 

Viele helle Sterne strahlten wie ein Diamantenmeer am dunkelblauen Nachthimmel. Der Mond leuchtete imposant und wurde von keiner einzigen Wolke verdeckt. Eine wunderschöne Sommernacht… Obwohl, Frühlingsnacht war bei kaum mehr als 5° C Außentemperatur gut, es erinnerte eher an einen verfrühten Herbstabend, aber keinesfalls an eine Frühlingsnacht! Doch der Mai hatte sich anscheinend in den Kopf gesetzt, die Erdenbewohner in diesem Jahr schlottern zu lassen. Wenn´s ihm Spaß macht…
Im Stutenstall des hoch angesehenen „Mcdougall Gestütes“ sah es, bzw. fühlte es sich ebenfalls nicht wärmer an, denn hier durften Pferde immer noch Pferde sein und wurden auch als solche behandelt. Natürlich waren die Tore geschlossen und die hochkarätigen Vierbeiner eingedeckt worden, doch die Fenster lehnten nach wie vor offen, damit für die nötige Frischluft gesorgt war. Dementsprechend kühl waren Stallgasse und Boxen, doch den Pferden gefiel es. Ganz im Gegensatz zu Katie-Bree und Natalie-Ann Mcdougall, den Töchtern der Gestütsbesitzerin Yvette. Sie waren zwar zwei toughe junge Frauen, aber um zwölf Uhr nachts hätten sie trotzdem lieber in ihren weichen Betten geschlafen, als auf zusammen geschobenen Strohballen in dicke Decken gewickelt zu sitzen und Nachtwache zu schieben. Zu verdanken hatten sie diese Unannehmlichkeiten Katie-Bree´s Westfälin „Salinera“, einer fuchsfarbenen Stute mit einer schmalen Blesse und zwei weißen Hinterbeinen, die sich im zarten Alter von vier Jahren befand. Schon seit Monaten galt ihr höchstes Interesse, schließlich erwartete sie ein Fohlen vom erstklassigen Elitehengst „Faustinus“, der nicht nur durch sein Aussehen, sondern besonders durch seine Erfolge, sowohl in der Zucht als auch im Sport, imponierte. Und wieder einmal sollte er Vater eines Spitzenpferdes werden, doch davon ahnten Katie-Bree und Natalie-Ann noch nichts. Natürlich waren sie voller Hoffnung, aber die Gewissheit würden sie erst in ein paar Stunden erlangen…
Der Handywecker zeigte O:47 Uhr an. ´Unmenschlich´, dachte Natalie und rieb sich seufzend über die müden Augen. Obwohl sie und ihre Schwester alle Register gezogen hatten um dem Schlaf diese Nacht siegreich die kalte Schulter zu zeigen, fiel es ihr schwer, nicht wegzudämmern. Aller Versuche, sich mit DVDs, CDs, Milch, Keksen, Schokolade, Tee und Zeitschriften wach zu halten, waren bei ihr kläglich missglückt.
Ihre jüngere Schwester Katie schien dagegen mehr Erfolg zu haben, zwar hatte sie die Augen geschlossen, aber die laut dröhnende Musik ihres iPod´s hielt sie effizient vom Schlafen ab.
Missmutig lenkte Natalie ihren Blick auf die große Abfohlbox vor sich, die mit einer dicken Lage Stroh eingestreut war und somit die perfekte Behausung für die werdende Mama Salinera, kurz „Sally“ darstellte.
Jene Stute tat das, was sie seit den letzten elf Monaten am liebsten tat: fressen. Egal was es war, solange es sie nicht umbrachte, schlang Sally alles in sich hinein. Musste wohl an den Hormonen liegen.
Dieser sich ihr bietende Anblick verfinsterte Natalies Stimmung jedoch erheblich, denn laut Tierärzten war Fressen kein typisches Zeichen für eine herannahende Geburt. Eher handelte es sich dabei um eine Entwarnung, schließlich mussten sich baldige Mütter in der Stunde der Stunden mit Wehen und anderen Scherzen rumschlagen, wobei der Gedanke an Futteraufnahme für sie unwichtig wurde. Dies schien Sally allerdings herzlich wenig zu interessieren, denn sie hatte ihren Heuhaufen nun endgültig beseitigt und vergriff sich stattdessen an den Massen von Stroh.
„Hör auf zu fressen, du dumme Kuh!“ zischte Natalie gereizt und funkelte Salinera böse an. „Ich ess´ doch gar nichts.“ gähnte Katie daraufhin und blinzelte müde zu ihrer Schwester hinüber. „Nicht du.“ grinsend foppte sie der Jüngeren in die Seite. „Ich mein Die da“ sie deutete mit einem Nicken zu der Stute. „Die soll nicht fressen, sondern ihr Fohlen zur Welt bringen. Heute ist Termin, schon vergessen? Den hab ich ausgerechnet und ich irre mich dabei nie!“ triumphierend hob Natalie die Nase etwas in die Höhe warf sich übertrieben stolz einige Haarsträhnen zurück, was Katie aufkichern ließ. „Meinst du, das hat Salinera auch gehört, oder musst du es ihr erst aufschreiben?“ warf sie dann schmunzelnd ein. „Haha, sehr witzig. Hör bloß auf, sonst fall ich hier noch vor Lachen vom Ballen!“ konterte Natalie gespielt amüsiert. „Aber im Ernst. Wenn sie heute nicht abfohlt, müssen wir uns wirklich ein bisschen Sorgen machen. Weißt du nicht mehr, was der Tierarzt gesagt hat?“ fragte die Ältere dann mit belegter Stimme und in ihren Augen glitzerte Besorgnis. „Doch klar tu ich das.“ meinte Katie nicht weniger unruhig und schielte zu ihrer heiß geliebten Stute.
Sie wusste nur noch zu gut, was ihnen der Tierarzt vor vier Tagen mitgeteilt hatte. Bei der Geburtsuntersuchung war ihm leider aufgefallen, dass nicht beide Vorderbeine des Fohlens ausgestreckt im Geburtskanal lagen, sondern eine Haxe nach hinten abgeknickt war. Dies konnte die Geburt verzögern, zu schweren Problemen führen und sogar das Leben von Mutter und Kind gefährden. Ein grausiger Gedanke, der Katie eine Gänsehaut bereitete. Nicht auszumalen was passieren würde, wenn das Fohlen oder gar Salinera sterben würde.
Katie schüttelte diese Vorstellung rasch ab und widmete ihre volle Aufmerksamkeit lieber wieder Sally, die in ihrer Box stand und nichts tat.
Momentchen, nichts tat? Sie fraß nicht? Einsicht oder Grund zur Besorgnis? In Anbetracht ihres unzufriedenen Gesichtsausdrucks wohl eher letzteres. Vielleicht hatten sich die Wehen durch ein unangenehmes Ziepen in der Bauchregion bemerkbar gemacht. Oder das Fohlen drehte sich, oder es hat getreten, oder das abgeknickte Vorderbein machte Schwierigkeiten.
Katie schaute aufgeregt zu Natalie, die mit gerunzelter Stirn die Fuchsstute beobachtete, jede Regung wahrnahm und deutete. Als sie ihre Vermutungen jedoch nicht aussprach, fragte die Jüngere leise. „Was hat sie denn?“ es dauerte eine Weile bis Natalie antwortete. „Ich weiß nicht. Ich glaube das Fohlen ist das Problem.“ „Oh je, nicht gut!“ flüsterte Katie daraufhin und schaute wieder zu Salinera.
Die Stute hatte den Kopf hochgehoben und die Ohren angelegt, ihre Augen blickten starr, sie konzentrierte sich offensichtlich nur auf den hinteren Teil ihres Körpers. „Irgendwas stimmt da nicht, am besten, du rufst Mama an und sagst ihr bescheid. Eventuell muss sie den Tierarzt benachrichtigen.“ stellte Natalie fest und drückte Katie ein Handy in die Hand. Obwohl das Wohnhaus nicht weit von den Stallungen entfernt war, wurde in solchen Situationen immer ein Telefon benutzt. Nie würde Natalie oder Katie jetzt den Stall verlassen, zuviel hing von den Beiden ab. Gerade wollte die Jüngere die Hausnummer wählen, als sie im Augenwinkel eine Regung von Sally wahrnahm. Die Fuchsstute bewegte sich, sie lief langsam rückwärts, Schritt für Schritt bis sie mit ihrem Hinterteil an die Wand stieß. Was sollte das denn werden? Katie ließ das Handy sinken, ungläubig schaute sie stattdessen zu, wie Salinera nun abwechselnd ihre Hinterbeine hob und an der Wand entlang zog.
Es dauerte ein Weilchen, doch dann schien es bei den Schwestern klick zu machen. „Verdammt, die hat weder Wehen, noch macht das Fohlen Probleme. Die juckt sich!“ stellte Katie erleichtert, aber auch etwas sauer fest. Da hatte sie die Stute aber schön reingelegt.
Kichernd rieb sich Natalie mit der Hand über die Stirn. „Na so wird das auf jeden Fall nichts. Hilf ihr mal, bevor sie sich noch wehtut.“
Während die Ältere ihre dunkelrote Wolldecke wieder enger um ihren Körper schlang, erhob sich Katie und stapfte seufzend zur Boxentür, wobei sie mit den Händen über die Oberarme strich.
Tatsächlich war es kälter als gedacht und eine unangenehme Gänsehaut zog sich über ihren Rücken. Heilfroh betrat sie endlich Salinera Behausung. Sofort schlug ihr der angenehme Geruch von Pferd entgegen, als sie über die dicke Strohdecke ging, die leise unter ihren Füßen knisterte.
Ein munteres Schnauben war als Begrüßung von Salinera zu hören, die leicht hibbelig mit ihren langen Ohren wackelte. Anscheinend juckte es da jemanden wirklich heftig. „Nur die Ruhe meine Süße, gleich wird’s besser.“ sagte Katie und tätschelte der Stute zärtlich den Hals.
Danach begab sie sich an deren hinteren Regionen und erlöste Sally von ihren „Qualen“. Nachdem sie die endlos langen Beine ihres Pferdes abgekratzt hatte, wollte sie die Box wieder verlassen, hielt jedoch inne als ihr leichte Nebelschwaden über Sallys Rücken auffielen.
Sie schwitzte, wohl nicht viel, aber sie tat es. Zaghaft strich Katie mit der flachen Hand über Brust, Rücken und Bauch und tatsächlich glänzte etwas Schweiß auf ihrer Handfläche.
Nachdenklich ging sie zu ihrer Schwester zurück, die sich gerade ein Glas Milch schmecken ließ. Kaum hatte sich Katie in ihre Decke gemummelt, da platzte es auch schon aus ihr heraus. „Sie schwitzt!“ meinte sie aufgeregt und gestikulierte wild mit der Hand.
Natalie, die gerade einen Schluck Milch genommen hatte, spuckte diesen vor Schreck wider aus und hustete kräftig. Anschließend wischte sie sich angewidert mit den Fingern über den Mund und guckte wütend zu ihrer Schwester. „Na vielen Dank auch!“ zischte sie säuerlich und stellte ihr Glas beiseite. „Ist ja schön, dass sie schwitzt, deshalb musst du mich aber noch lange nicht so- Moment mal, sie schwitzt?“ hastig schaute sie zu der Fuchsstute und erblickte sogar aus dieser Distanz deutlich die aufsteigenden Wolken. „Also entweder ist das kein echter Schweiß, oder das Jucken ihrer Hinterbeine war so anstrengend, oder das ist eine Vorbereitung für die kommende Geburt.“ stellte Natalie nach kurzer Bedenkzeit fest. „Wozu tendierst du?“ fragte Katie mit kraus gezogenen Augenbrauen. „Letzterem!“ antwortete die Ältere dann genauso knapp wie prompt. „Vielleicht sollten wir Mama nun wirklich anrufen.“ schlug Katie vor und rieb sich sichtlich nervös die Hände. Als Antwort bekam sie nur ein flüchtiges Nicken von Natalie, die gebannt Salineras Körper studierte.
Mit jeder weiteren Minute veränderte sich die Stute zusehnst: das fuchsfarbene Fell an Hals, Brust, Rücken, Bauch und Beinen wurde feucht und verdunkelte sich, der Schweif pendelte unruhig hin und her und manchmal schnaubte sie leise. „Alles wie es sein sollte.“ dachte Natalie angestrengt und nahm nur nebenbei die Stimme ihrer Schwester wahr. „Mama? Ich bin es, also bei Salinera scheint es jetzt los zu gehen… Na womit wohl, mit der Geburt natürlich… Ja, bei Salinera, hab ich doch gesagt… Mensch Mama, werd doch mal wach und denk mit! Du musst den Tierarzt anrufen… Sehr richtig, jetzt!“ genervt stöhnte Katie auf und klappte das Handy zu. „Wenn unsere werte Frau Mama nicht richtig wach ist, dann musst du für die echt das Denken übernehmen!“ murmelte sie zornig und warf sich energisch einige Haarsträhnen nach hinten.
Natalie hatte im Moment für diese Erkenntnis nur ein beiläufiges grummeln übrig, viel zu sehr beschäftigte sie die junge Stute, die langsam in ihrer Box umher schritt, wobei sie ab und zu mit den Nüstern durchs Stroh streifte.
„Wir müssen die Kamera holen, denke ich. Damit wir die Geburt aufzeichnen können.“ schlug Natalie vor und blickte auffordernd ihre Schwester an. „Bin ich wir oder was? Aber na schön, ist ja schließlich meine Stute und es wird mein Fohlen.“ stolz grinsend drehte Katie sich um und ging zur Stalltüre.
Gerade als sie diese öffnen wollte, wurde sie von außen aufgerissen und prallte mit voller Wucht gegen die Jüngere der Mcdougall´s. „Hab ich hier was von Kamera gehört?“ fragte Mama Yvette, als sie schwer bepackt mit einer Pferdedecke, einer Digitalkamera und einer Videokamera in den Stall trat.
Sie trug eine schwarze Jogginghose und eine dicke Jacke, die langen blonden Haare waren zu einem Dutt hochgesteckt. Rasch legte sie die Sachen geordnet aus ihrer Hand und trat neben Natalie an die Box.
„Ja, das sieht mir wirklich verdächtig aus. Anscheinend möchte unser Mädchen ihren Bauch wieder für sich alleine haben.  Sag mal, wo ist denn Katie?“ verwundert blickte sich Yvette nach ihrer zweiten Tochter um. „Hier!“ antwortete gesuchte mit gedämpfter Stimme und trat hinter der Stalltüre hervor. Dabei hielt sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Nase und blicke ihre Mutter gespielt tödlich an. „Könntest du weitere Mordattacken bitte auf einen anderen Tag verlegen? Ich werd´ hier noch gebraucht!“ murrte sie und betupfte zaghaft ihre rote Nase. „Entschuldige Mäuschen, das wollte ich nicht.“ meinte Yvette reumütig und strich Katie über die Haare, was diese als Wiedergutmachung annahm.
„So, ich muss schnell wieder zurück ins Haus um den Tierarzt zu fragen, wo er ist. Sobald sich hier etwas tut ruft ihr mich, ok? Bis gleich.“ ratterte die Mutter dann runter und trat durch die Stalltüre wieder hinaus. Kaum war sie einige Schritte gelaufen, da hatte sie die Dunkelheit auch schon verschluckt.
Zurück blieben Katie und Natalie. Um ihre Aufregung etwas im Zaum zu halten, installierte erstere die Videokamera in passender Position und schaltete sie vorsorglich ein. Als sie gerade konzentriert an der Linse rumfummelte, tippte ihr Natalie auf die Schulter. Ohne den Blick von dem elektronischen Gerät abzulenken gab die Jüngere ein Einfaches „Hm?“ von sich.
Anstatt dass ihre Schwester sagte was sie wollte, hielt sie Katie lediglich ein Blatt und einen Stift unter die Nase. „Schreib auf!“ befahl sie, was die Jüngere verdutzt dreinblicken ließ.
„Schreib auf was?“ fragte sie, wobei sie Zettel und Schreibstock an sich nahm. „Erste Wehe: 1:37 Uhr!“ diktierte Natalie ihre Gedankengänge, die Katie hastig zu Papier brachte, ohne sich über den Sinn der Worte bewusst zu sein.
Erst als sie sich den Satz einmal genau durchlas, begriff sie dessen Wichtigkeit und war davon ziemlich überrumpelt. Stotternd zeigte sie sie mit ihrem Zeigefinger vom Blatt zu Natalie und dann zu Salinera. „Sie…äh…!“ war das einzige, was sie zustande brachte, bevor ihre Augen endgültig auf Sally heften blieben.
Tatsächlich hatte Natalie den langen Schweif der Stute schon mit einer weißen Bandage hochgebunden, damit dieser bei der Geburt nicht im Weg hing. Es war also soweit! Nervös fing Katie an auf ihrer Unterlippe zu kauen, Natalie rief dagegen rasch bei Yvette an und erklärte ihr den aktuellen Stand der Dinge. „Ja, sie haben einsetzt… Keine Ahnung in welchen Abständen, vor knapp einer Minute war gerade mal die Erste… Kann ich nicht ändern… Also, weißt du schon wann der Tierarzt- Moment mal, die Zweite setzt grad ein! Katie schreib auf: zweite Wehe 1.38 Uhr, nein 1.39 Uhr!“
Gesagt getan, denn in der Tat stimmte Natalies Feststellung, da Salinera für rund vier Sekunden den Rücken mit einem schmerzerfüllten Gesicht extrem stark aufgewölbt und ihren hübschen Kopf gesenkt hatte. Danach lief sie rastlos in ihrer Box umher, wobei sie teilweise Hilfe suchend zu den beiden Schwestern schaute.
Natürlich hatte die junge Stute Angst, immerhin würde dies ihre erste Geburt werden, womit sie rein gar nichts anzufangen wusste. Selbstverständlich war ihr klar, dass sie bald stolze Mama eines bildhübschen Fohlens sein würde, aber auf die jetzigen Umstände könnte sie redlich verzichten. Die in ihr aufsteigende Nervosität spiegelte sich schon allein in ihrem Aussehen wider: ihr seidigweiches Fell wurde nun von einer deutlichen Nässe überzogen, ihre Ohren spielten unruhig und ihre Nüstern waren im verzweifelten Versuch, genügend Luft aufzunehmen, weit gebläht.
Dies blieb Natalie und Katie aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung ebenfalls nicht verborgen und sie wussten, was jetzt zu tun war: „Lass uns zu ihr gehen und sie beruhigen.“ schlug Katie vor und Natalie nickte zustimmend.
Eiligen Schrittes gingen sie zur Box, doch zögerten beim Eintreten, da sich Salinera abermals vor Schmerzen krümmte. „Das war die Dritte.“ flüsterte Katie und erntete einen genervten Blick von Natalie. „Danke, ich kann auch zählen!“ maulte diese worauf Katie kopfschüttelnd grinste. „Na das hoff ich doch. Aber die Abstände zwischen den Wehen sind schon sehr kurz. Lange kann es jetzt nicht mehr dauern.“
Eigentlich hatte Natalie antworten wollen, doch just in dem Moment öffnete sich die Stalltür und Yvette trat ein, die Salinera sofort eingehend betrachtete. „Ihrem Verhalten nach zu urteilen sitzen wir gerade mächtig in der Klemme!“ seufzte die Mutter und legte ihre Hand an die Wange.
„Wie dürfen wir das denn bitte verstehen?!“ fragte Natalie augenblicklich in einem scharfen Ton.
„Also, hach Kinder. Der Tierarzt wird verspätet hier eintreffen, da er Probleme mit seinem Fahrzeug hat. Er kommt frühestens in einer dreiviertel Stunde.“ erklärte Yvette, auf ihrer Stirn zeichneten sich deutliche Sorgenfalten ab. Kurze Stille trat ein, die jedoch energisch von Natalie durchbrochen wurde. „Dann müssen wir eben improvisieren!“ euphorisch klatschte sie in die Hände. „Katie, hol bitte Handtücher, die Respirot-Tropfen und Desinfektionsmittel aus dem Haus. Mama, du müsstest einen Eimer mit kaltem Wasser und zwei sterile Stricke auftreiben. Ich bleibe währenddessen hier.“ gekonnt verteilte Natalie die Aufgaben, welche sofort ausgeführt wurden.
Schon allein in solchen Situationen war die Mcdougall Familie schlichtweg ein eingespieltes und unschlagbares Team, das sich aus drei höchst professionellen Frauen zusammensetze. Wie ihr geheißen lief Katie über das schöne Anwesen ins Wohnhaus und suchte aus sämtlichen Etagen der modernen Villa die benötigten Dinge.
Als sie voll beladen zurück zum Stall eilte, kam ihr ihre Mutter mit einem leeren Eimer entgegen und lief mit einem „Wasserholen!“ an ihr vorbei.
Katie stolperte weiter schnurstracks in den Stall hinein und verschloss die Tür möglichst leise hinter sich. Von Natalie war nichts zu sehen, doch selbst wenn sie es gewesen wäre, Sally hätte der Älteren mit ihrem Verhalten leicht die Show gestohlen.
Die Jungstute lief nicht mehr unruhig umher sondern stand still in einer Ecke ihrer Box, fixierte einen unsichtbaren Punkt und schien vorläufig alles um sich zu vergessen. ´Meditiert vielleicht.´ dachte Katie schmunzelnd und zog es vor, sich erstmal von ihrer Last zu befreien. Peinlich akkurat stapelte sie die weißen Frottiertücher und legte sowohl Desinfektionsmittel, als auch  Respirot-Tropfen obenauf.
Diese willkommene Ablenkung ausnutzend betrachtete sie höchst zufrieden ihr Werk, als sie ein Geräusch erstarren ließ. Es hörte sich an wie das Plätschern eines kleinen Wasserfalls, nur kannte Katie diesen Laut gut genug um zu wissen, dass es kein normales Wasser war. Zögernd drehte sie sich um und wusste sofort, dass sich ihre Vermutungen bewahrheiteten: die Anfangsphase war vorüber und die Geburt ging in die zweite Runde, denn gerade war Salinera Furchtblase geplatzt…
Innerlich ermahnte sie sich, Ruhe zu bewahren, als sie zu Salinera schritt und zwangsläufig das Furchtwasser erblickte. Wieder machte ihr Herz in dieser Nacht einen gewaltigen Sprung und sie keuchte erschrocken auf, denn im fahlen Schein der Lampe schimmerte die Flüssigkeit bräunlich grün. Wenn dies nun keine Einbildung oder ein Streich von Licht und Schatten war, dann war das Fruchtwasser beispielsweise durch den vorzeitigen Tod des Fohlens vergiftet. Eine grausame Vorstellung, die Katie einen Schauer über den Rücken jagte.
Ängstlich blickte sie sich im Stall nach Natalie um, denn die wusste sicher Rat. „Natalie?“ wisperte sie so laut wie möglich und musste sogar nicht lang auf ihre Schwester warten. „Bitte sag mir, dass sie nur gepinkelt hat!“ meinte die Ältere, die das Geplätscher offensichtlich auch gehört hatte. „Ähm…kann ich nicht.“ antwortete Katie. „Fein, dann sag mir, dass trotzdem alles in Ordnung ist.“ befahl ihr Gegenüber und blickte streng drein. „Hm…kann ich auch nicht.“ erwiderte die Jüngere kleinlaut und kratzte sich am Kopf. „Warum nicht?“ fragte Natalie und richtete sich etwas auf. „Weil die Farbe meines Erachtens nach nicht stimmt.“ schilderte sie schließlich das Gesehene. „Lass mich mal gucken.“ Natalie schob sich daraufhin an der Jüngeren vorbei und trat vor die Boxentür. Gespannt wartete Katie auf Natalies Antwort, die kurz darauf eintrat, aber nicht wie erhofft.
„Oh mein Gott, Hilfe!“ platze es aus Natalie heraus und sie öffnete die Box um diese zu betreten. Neugierig, aber vor allem ängstlich schlich Katie voran und spähte in Sallys Behausung. Da lag sie, ihre schöne Stute, ganz flach auf der rechten Seite und atmete schwer. Den aufgerissenen Nüstern entfloh manchmal ein gequältes Schnauben, während Salinera ihre Vorderbeine rastlos durch das Stroh gleiten ließ.
Natalie hatte sich inzwischen neben ihren Kopf gekniet und streichelte beruhigend darüber. „Nur keine Angst, Sally. Wir sind ja da. Alles wird gut, das schaffst du schon…“ sanft drangen die gemurmelten Wort an die Ohren der Stute und zeigten Wirkung, denn die Atmung wurde regelmäßiger und die Bewegung ihrer Vorderbeine stellte sich ein.
„Katie, lauf Mama nach und schau, was sie macht. Und dann bereite etwas Mash für Salinera vor. Los!“ befahl Natalie und Katie gehorchte.
Erst schritt sie langsam durch die Stallgasse, um die Pferde nicht zu erschrecken, doch als die Stalltür hinter ihr ins Schloss gefallen war, rannte sie in einem halsbrecherischen Tempo den weißen Kiesweg zur Futterkammer entlang.
Als sie in jene hineinplatze, wäre sie um haaresbreite an ihre Mutter geknallt, die in der linken Hand einen halbvollen Eimer Wasser hielt.
„Nicht so stürmisch junge Dame! Warum hast du's denn so eilig?“ fragte Yvette und schubste Katie spielerisch rückwärts. Es war wirklich erstaunlich, wie ihre Mutter stets die Ruhe behielt, nichts schien sie umhauen zu können. Selbst bei einer in vollen Turen laufenden Geburt bewarte diese Frau einen kühlen Kopf.
„Salinera legt jetzt richtig los! Deshalb musst du die Beine in die Hand nehmen und Natalie helfen, während ich Mash mache und gleich nachkomme!“ teilte Katie Yvette mit und drängte sie dabei in Richtung Tür. „Ist gut, ist gut, ich lauf ja schon!“ lachte ihre Mutter und spurtete mit dem Eimer in der Hand durch die Dunkelheit. Zurück blieb Katie, die trotz der Aufregung das Mashpulver genau abmaß und in einen sauberen Eimer füllte. Darüber kippte sie die entsprechende Menge heißes Wasser und deckte den durch Rühren entstandenen Brei zu.
Nach einer halben Ewigkeit, so kam es ihr zumindest vor, löschte sie eilig das Licht und kehrte nach tatsächlich nur fünf vergangenen Minuten zum Stall zurück. Die abflauende Nervosität in ihr wallte dadurch natürlich wieder ins Unermessliche auf.
Als sie vor der Stalltür ankam, drangen ihr die aufgeregten Stimmer von Schwester und Mutter entgegen, was war denn da drin los? Rasch betrat Katie den Stall, stellte den Eimer mit Mash ab und erkannte dann natürlich den Grund für die unruhige Stimmung. Die Geburt war weit fortgeschritten, deutlich zu erkennen an der vorgetretenen Fruchtblase in der ein Vorderbein zu sehen war. Oh nein, bloß eins! Zitternd lief Katie die Stallgasse hinunter, öffnete die Boxentür und trat ein.
Natalie saß nach wie vor an Salineras Kopf, gab ihr Beistand, beruhigte sie, wogegen sich Yvette hinter die Stute gesetzt hatte.
Zielsicher steuerte Katie ihre Mutter an, wurde jedoch von Natalie am Arm zurück gehalten und hinunter gezogen. Sie hockte sich neben ihre ältere Schwester, die sie eindringlich ansah ohne dabei die Streicheleinheiten für Salinera zu unterbrechen. „Hör zu.“ sprach Natalie mit gedämpfter Stimme. „Du musst zu Mama gehen und das Fohlen in den Wehenintervallen rausziehen, aber nur, wenn das zweite Vorderbein auch draußen ist! Falls es nicht rauskommt oder es andere Probleme gibt dann rufst du mich, verstanden? Und jetzt geh! Geh!“ Natalie schubste ihre Schwester worauf die sich taumelnd erhob und nach hinten stolperte.
Dort hatte sich dem Anschein nach nichts geändert, denn es schimmerte wie gehabt nur ein Vorderbein durch die Eihaut. Gerade wollte Katie ihre Schwester zu sich rufen, als sich Salinera Körper durch eine Wehe zusammenzog und das zweite Vorderbein erschein.
Sofort reagierte Katie, nutzte den anhaltende Intervall aus und packte die beiden Beinchen fest mit ihren Händen. Manch anderer hätte es vielleicht als glibberig oder ekelhaft empfunden, aber Katie stand über solchen Dingen.
Durch ihren festen Griff riss die Fruchtblase auf und gab den Blick auf die Vordergliedmaßen des Fohlens preis. Sie waren Fuchsfarben und die Hufe weiß, genau wie bei Mama Salinera, der die gerade laufende Sache nebenbei bemerkt so gar nicht in den Kram passte. Durch unsägliche Schmerzen geplagt hob sie den Kopf und wollte aufstehen, woran sie Natalie jedoch effizient hinderte, indem sie beherzt ein Vorderbein der Stute packte und es wegzog. Salinera kippte daraufhin wieder in ihre Ursprungsposition und beließ es ergebend bei dem einen Versuch.
Währenddessen zogen Katie und Yvette das Fohlen mit vereinten Kräften heraus, alles schien gut zu laufen, bis Katie austretendes Blut entdeckte, das sich in hohem Maße im Stroh verlor. Salinera hatte Blutungen und die waren heftig. Alarmiert blickte sie zu Natalie, die gerade den Hals der Stute zärtlich kraulte und ihr liebevolle Worte ins Ohr flüsterte. „Natalie! Wenn Blutungen einsetzten, was hat das zu bedeuten?“ fragte Katie und riss ihre Schwester wohl aus einem entspannten Moment. „Keine Ahnung. Ich weiß viel aber nicht alles. Ignoriert sie vorläufig, solang sie überschaubar sind, wenn sie stärker werden, müssen wir den Tierarzt anrufen!“ und wieder, so als wäre nichts gewesen, widmete sie sich dem Pferd, driftete im Geiste in eine andere Welt ab, die weitab von Schmerzen oder Problemen ihren Platz fand.
Wie vorgeschlagen wurde der Blutung keine Beachtung geschenkt, denn wichtiger war das Fohlen endgültig auf diese Welt zu holen. Drum packte Katie ein letztes Mal beide Vorderbeine und zog das kleine Lebewesen mit aller Kraft heraus. Vor Anstrengung biss sie sich auf die Unterlippe und kniff die Augen zusammen, ihre Atmung setzte aus. Erst gab es einen extremen Widerstand, doch als der Brustkorb draußen war, flutschte das Fohlen ihr praktisch entgegen. Mit einer Hand zog sie weiter an einem Bein, mit der anderen hob sie den Kopf des Kleinen an und brachte ihn in eine angenehme Position. Ungläubig und überglücklich starrte Katie dann auf das Fohlen. Es war geschafft, es war da, nach monatelangem Warten lag Salineras Baby endlich im Stroh.
Doch leider war für eine Pause keine Zeit, Katie musste den kleinen Körper aus der Fruchtblase befreien und die Atmung in Gang bringen.
Gerade hatte sie sich über den Kopf des Fohlens gebeugt, da blähten dies seine Nüstern und atmete das aller ersten Mal in seinem Leben selbst. Zum aller ersten Mal füllten sich seine kleinen Lungen mit Luft, um diese kurz darauf wieder freizugeben. Der erste Atemzug, und Katie war dabei. Ein überwältigender Moment, der leider nicht ausreichend genossen werden konnte, denn wieder gab es etwas zu tun.
Yvette schnappte sich die Decke und legte sie Salinera um, damit sich diese in der Kühle der Nacht keine Erkältung holte. Überhaupt galt Yvettes Aufmerksamkeit von nun an ausschließlich der Stute, das war ihre Aufgabe, schon immer gewesen.
Während sich ihre Töchter um das Neugeborene kümmerten, gratulierte sie der frisch gebackenen Mama und half ihr, sich von den Strapazen der Geburt zu erholen.
Folglich begab sich Natalie zu ihrer Schwester, das Fohlen lag zwischen ihnen. „Was ist es denn?“ fragte Natalie neugierig und streichelte das nasse Fell liebevoll mit beiden Händen.
Stimmt, das hatte Katie noch gar nicht überprüft. Ohne ein Wort zu sagen streckte sie ihren Zeigefinger in die Höhe und bat somit um einen kleinen Moment, dann hob sie ein Hinterbein des Kleinen an und blickte Darunter. Ein breites Lächeln stahl sich über ihre Lippen, das war aber schön! Freudig strahlend blickte sie ihre Schwester an und sagte: „Scarlett ist geboren!“ diese klatsche lachend in die Hände und freute sich ebenfalls riesig über den weiblichen Neuzuwachs.
Wieder einmal hatte sich die Mcdougall Familie um eine Stute vergrößert. Doch die erst so große Freude bei Natalie ebbte stark ab, als sie die unregelmäßigen und schwerfälligen Atemzüge der jungen Stute bemerkte. „Katie, die kleine bekommt nicht richtig Luft!“ flüstert sie heiser und streichelt verzweifelt über den nassen Hals des Fohlens.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“ erwiderte die Jüngere nicht weniger ängstlich.
„Lass sie uns in eine aufrechte Lage bringen und ordentlich abrubbeln. Der Kreislauf muss in Schwung kommen!“ schlug Natalie vor, und traf wider einmal direkt ins Schwarze.
Denn noch während der schlaksige Fohlenkörper mit sauberen Handtüchern abgerieben wurde, stabilisierten sich die Atemzüge und Scarletts Lebensgeister wurden geweckt. Munter hob sie ihr bildhübsches Köpfchen und inspizierte neugierig die ihr so fremde Welt, ab und zu schnaubte sie leise und hatte schon jetzt durch ihre entzückende Art alle Herzen im Sturm erobert.
Dazu trug natürlich auch ihr außergewöhnliches Aussehen bei: ihr Fell schimmerte in einem hellen Beige, das sich an manchen Stellen in einem zarten Elfenbeinton verlor, ihre Stirn wurde von einem weißen Fleck gezeichnet und auf ihrem Rücken zog sich ein dunkler Strich entlang.
 Alles in allem erinnerte sie sowohl durch ihr Auftreten, als auch durch ihre Farbe an die Sonne.
Bei Salinera hatten die Blutungen nun glücklicherweise aufgehört und sie selbst sich soweit erholt, dass sie ihren ausgelaugten Körper erheben konnte und zu ihrem Fohlen stakste. Ganz nah blieb sie neben ihrem Baby stehen, biss erst zärtlich in dessen Ohr um sicher zu gehen, dass es wahrhaftig vor ihr lag und keine Einbildung war. Vorsichtig fuhr sie dann mit den Nüstern über Hals und Rücken und inhalierte den Duft ihres Kindes, um ihn auf ewig in ihrem Herzen tragen zu können.
Beide genossen den Augenblick, sie wieherten leise um sich gegenseitig ihre Zuneigung zu zeigen und sich später selbst unter tausend anderen Pferden wieder finden zu können.
Dieser Moment des ersten Zusammentreffens war so rührend, dass alle drei Frauen mit den Tränen zu kämpfen hatten und sich kurz darauf freudig in die Arme schlossen. Trotz der Strapazen der Nacht war alles gut gelaufen, Mutter und Kind waren wohlauf und jeder Stern am dunklen Nachthimmel deutete darauf, dass Scarlett eine echte Championesse werden würde.
Das erste Kapitel ihres noch so jungen Lebens war geschrieben, und noch so viele würden folgen. Voller Glück, Erfolg, Ruhm und Ehre und am Ende würde dieses Wunderpferd unvergessen sein. Scarletts Name würde sich für immer ins Gedächtnis der Menschen und Tiere einbrennen, denn in dieser Nacht wurde eine Gigantin geboren…
            

 

 

 

 

 

 

 

Vielen Dank fürs lesen, ich hoffe, es hat ein wenig Spaß gemacht.

Wer mag kann mir gern im Gästebuch oder aber per PN seine Meinung dazu schreiben.        

 

 

 

 

 

 

 

 




Gratis bloggen bei
myblog.de